Modelle

Bedürfnis-hierarchie

Was Lernende wirklich brauchen, um lernen zu wollen.

Abraham Maslow hat mit seiner „Bedürfnispyramide“ eines der bekanntesten Modelle zur menschlichen Motivation erstellt (1954/1970). Er ordnet das Streben der Menschen nach niederen und höheren Bedürfnissen. Erst wenn die niederen Bedürfnisse befriedigt sind, können höhere Stufen erreicht werden. Die Abfolge lautet:

  • physiologische Bedürfnisse
  • Sicherheitsbedürfnisse
  • Geselligkeitsbedürfnisse
  • Geltungsbedürfnisse
  • Selbstverwirklichungsbedürfnisse
Maslowsche Bedürfnishierarchie
Die Maslowsche Bedürfnishierarchie

Maslow stellte die Selbstverwirklichung auf die höchste Ebene der Bedürfnisbefriedigung, wofür ihm die Kritik der Kulturabhängigkeit entgegen gebracht wurde[1]. Insbesondere in westlichen Kulturen gäbe es das Ideal der individuellen Selbstverwirklichung, wogegen Kulturen Asiens, Afrikas oder Südamerikas kollektivistischer ausgerichtet seien und individuelle Interessen hinter die der Gruppe zurück stellen. Auch würden weniger positive Emotionen, etwas Machtausübung oder aggressives Verhalten in diesem Modell nicht berücksichtigt.

Die amerikanische Edu-Bloggering Jacky Gerstein[2] wendet die Maslowsche Bedürfnispyramide auf (schulische) Medienbildung an.

Bedürfnispyramide und mediale Handlungsfelder
Dem Modell der „Bedürfnispyramide“ werden mediale Handlungsfelder gegenüber gestellt.[3]:
Körperliche Grundbedürfnisse (physiological needs): Atmung, Nahrung, Schlaf, Urinieren, Stuhlgang, Temperatur, etc.
Technologien und Medienpädagogik können auf der Ebene der biologischen und physiologischen Grundbedürfnisse keinen Beitrag leisten. Zwar werden mit Gesundheits-Apps, Augmented Reality und wearable technology gerade erste Vorstöße in diese Bereiche unternommen, doch bisher stecken solche Projekte noch zu sehr in den Kinderschuhen, um bereits Aussagen darüber treffen zu können. Der Horizon Report weist sie jedoch als relevante Trends der kommenden Jahre mit Einfluss auf den Bildungsbereich aus.

Sicherheit (safety needs): Zuhause, Schutz, Zugehörigkeit, Ordnung, Rituale, Wissen, Sinn, Frieden
Der Zugang zum Internet und damit zu einer virtuellen Realität bzw. einer Online-Welt, die parallel zur Offline-Welt den Alltag insbesondere Jugendlicher bestimmt, ist bereits prägend für viele Individuen. Durch die Nutzung von Smartphones ist die Anbindung an die Informationen und Interaktionen der Online-Welt ubiquitär geworden, also allgegenwärtig und von jedem Ort zu jeder Zeit zugänglich. Insofern empfinden medienaffine junge Menschen ihre Medienrealität nicht als entweder (online) oder (offline), sondern als ein sowohl als auch. Die Forderung nach „Keine Bildung ohne Medien“ ist demnach eine konsequente Reaktion auf die heutige Medienrealität der Lernsubjekte.

Dem (Jugend)Medienschutz fällt auf der Ebene der Sicherheitsbedürfnisse eine entscheidende Rolle zu. Die Subjekte müssen in ihrer Medienkompetenz gefördert und im kritischen Nutzen geschult werden. Die Behandlung von Fragen der Medienethik gehören ebenso dazu, wie die Themen Digital Citizenship, Prävention von Cyberbullying und der Schutz der Privatsphäre.

Zuwendung (social needs): Zärtlichkeit, Unterstützung, Geborgenheit, Fürsorge, Einfühlung

Das Internet hat zu einen diametralen Wandel im Kontext der sozialen Beziehungen geführt. Heute ist es Subjekten möglich, sich mit Gleichgesinnten auf der ganzen Welt über soziale Netzwerke zu verbinden und auszutauschen. Für Jugendliche und junge Erwachsene in der Phase der Identitätsbildung ist dies eine unendliche Ressource:

„Wollen wir heutige Jugendliche verstehen, so müssen wir sie im Kontext jener Medien, jener digitalen sozialen Netzwerke und jener TV-Shows verstehen, die heutzutage häufig an die Stelle traditioneller Prägekräfte wie Familie, Kirche und anderer gesellschaftlicher Institutionen getreten sind. Medien prägen das Denken und Handeln Jugendlicher, sie geben Orientierung, und zeigen Möglichkeiten auf, das Leben zu gestalten. Kurz: Sie stiften Identität.“[4]

Der Weg zur Adoleszenz ist geleichzeitig eine „Phase des Zweifelns, Verwerfens, Entwerfens und Revidierens“[5] und ein Zyklus, der durch das Bildungssystem stark geprägt wird. In schulischen Szenarios etwa muss berücksichtigt werden, dass ein großer Teil der sozialen und emotionalen Beziehungen der Lernsubjekte online und an Smartphones stattfindet.

Lehrende können einen großen Beitrag dazu leisten, dass ihre Lernsubjekte sich zu sozialen Lerngruppen zusammenschließen. Dazu sollten sie Zeit, Zugang zu Geräten und Plattformen, Nutzungsrechte und entsprechende Lernanreize angeboten bekommen, die die Lernenden anregen, sich zu vernetzen und zu kollaborieren. Hilfestellungen bei der Einrichtung eines persönlichen Lernnetzwerkes (PLN, oder auch personal learning environment (PLE)) kann das Gefühl von Zugehörigkeit fördern und das Bedürfnis nach Zugehörigkeit verbinden mit den Potentialen sozialer Netzwerke.

Hinter dem Konzept des persönlichen Lernnetzwerkes (PLN) steht ein Netz aus Personen, mit denen man gemeinsam lernt und sich unterstützt. Jedes Lernsubjekt gestaltet dieses persönliche Portfolio nach eigenen Kriterien und beschreibt die eigenen Lernwege und –erkenntnisse in einem Portfolioprozess. So wird für andere nachvollziehbar (Peer-Education und Lernbegleiter), welche Entwicklungsschritte gemacht wurden und inwiefern ein Kompetenzzuwachs stattgefunden hat. In einem solchen Setting würden sich Schüler/-innen mit Personen auf der ganzen Welt vernetzen und diese interviewen, sie würden als Tutoren in Peer-Education-Prozessen agieren und von Gleichaltrigen tutoriert werden, sie lernen in formalen und informellen Lerngruppen, nutzen Twitter und virtuelle Meetingräume für Gruppenarbeiten, lehren und engagieren sich in vernetzen Weblogs, teilen Inhalte und Wissen und machen die Erfahrung der engagierten Mitarbeit in einem dislozierten Team, welches zwar nicht am gleichen Ort arbeitet, aber durch die Arbeit an einer gemeinsamen Sache verbunden ist. Lernende erfahren, dass sie an solchen Netzwerken teilhaben können oder diese selbst initiieren um Inhalte zu bearbeiten, die für sie von persönlichem Wert, Bedarf und Interesse sind.
Wie ein Subjekt die sozialen Potentiale der Internet-Communities für den persönlichen Bildungsfortschritt und das lebenslange Lernen kompetent nutzen kann, muss durch Übung und Erfahrungen des Scheiterns und erfolgreichen Neuanfangs eingeübt werden. Hierfür müssen Bildungseinrichtungen den nötigen Raum und die passenden Lernanreize anbieten.

Anerkennung (esteem needs): Aufmerksamkeit, Beachtung, Einfluss, Staus, Macht – Verantwortung in einer Gruppe übernehmen
Menschen brauchen das Gefühl, gebraucht zu werden und einen Beitrag zu leisten.
Aus diesem Bedürfnis nach Anerkennung und Geltung heraus lässt es sich erklären, dass Menschen sich in Sportvereinen engagieren, Hobbies nachgehen, beruflichen Ehrgeiz entwickeln oder sich bilden möchten.

Etwas zu erschaffen und anderen zu präsentieren, hat großes Potential zur Bedürfnisbefriedigung. Mediale Mittel zur Produktion und Publikation bieten hierfür ein großes Potential, welches in Bildungskontexten implementiert werden sollte. Lernende können mittels Medientechnik zu Produzenten ihrer eigenen Ideen und Produkte werden. Noch im 20. Jahrhundert war man stark reduziert auf die Rolle des Konsumenten in formalen und informellen Bildungsprozessen. Produzenten können sowohl per Microblogging kurze Nachrichten erstellen als auch lange Texte in Blogs verarbeiten, Videos oder Fotos produzieren oder Musik und Interviews aufzeichnen, Games oder Apps entwickeln oder in anderen Formen ihr Können und ihre Ideen online präsentieren.

Doch Lernende sind nicht beschränkt auf den schöpferischen Akt, sie können ihre Werke auch online publizieren und damit die Chance erhöhen, wahrgenommen zu werden. Sie adressieren Nutzer mit ähnlichen Interessen oder Gemeinsamkeiten, die ihnen wertvolles Feedback über den in den neuen Medien integrierten Rückkanal geben.

Die Medienbildung muss sowohl prozess- als auch produktorientiert arbeiten, denn die Lernsubjekte sollen nicht um die Erfahrung der Publikation und Präsentation ihres Produktes gebracht werden. Dieser Ernsthaftigkeitscharakter, der sich unter dem Bewusstsein einstellt, die eigene Idee vor anderen zu zeigen, sie zur Diskussion zu stellen und Rückmeldungen darauf zu bekommen, schafft große Lernanreize.

In Zeiten ohne das Internet übernahmen die Lehrenden die Rolle der prüfenden Instanz, der Beurteilung der Lernprodukte und der intellektuellen Impulsgeber vor der Klasse. Diese Haltung ist heute nicht mehr nachvollziehbar. Von den Lernenden wird verlangt, sich mit viel Zeit und Einsatz einer Lernaufgabe zu widmen um ihren Lösungsansatz später nur von einer Prüfperson bewerten zu lassen? Die Nutzung der digitalen Kanäle bietet umfassenderes Potential für Lernende, ihre Bedürfnisse nach Aufmerksamkeit, Beachtung, Einfluss, Status, Macht, oder auch Verantwortung in einer Gruppe befriedigen zu können.


Kognitive Bedürfnisse (cognitive needs): Wissen, Bedeutung

Unsere Zeit ist bestimmt durch einen Informationsüberfluss. Wesentlich für die Unterstützung Lernender bei der Erreichung ihrer kognitiven Bedürfnisse sind die folgenden beiden Aspekte:

  • Lehrende sind nicht länger die Hüter der Informationen:

Wenn Lernende die Kenntnis erworben haben, wie sie im Internet recherchieren und die dortige Informationsfülle filtern und kuratieren können, werden sie dort detailreichere und präzisere Informationen zu gewünschten Fragestellungen finden können, als ein einzelner Lehrender in der Lage wäre, anzubieten.
Die Rolle der Lehrenden ändert sich:
– Eine englische Redewendung bezeichnet den Wandel aus „From sage on the stage to guide on the side“ – also vom Prediger auf der Kanzel zum Begleiter an der Seite. Im Deutschen haben wir den Begriff des Lernbegleiters dafür gefunden.
– Dieser unterstützt Lernende insbesondere dabei, das Lernen zu lernen und im Prozess des Wissenserwerbs nicht den Überblick zu verlieren und strukturiert vorzugehen.

  • Lernenden den Zugang zu Wissensspeichern ermöglichen

Kritiker werfen Bildungsanbietern eine Form von Zensur vor, wenn sie den Lernenden nur Lehrbücher als Lernquellen zur Verfügung stellen und nicht dafür sorgen, dass ebenso das Internet als Recherchequelle genutzt werden kann. Lernende haben dort die Möglichkeit durch Lesen, Sehen und Hören Informationen aufzunehmen und ihre Recherche selbstbestimmt und engagiert zu vertiefen.

Hierbei wird an Unterrichtsszenarien gedacht, in denen Lernende breit gefasste „Forschungsaufträge“ erhalten und danach ihre eigenen Recherchen hierzu anstellen und ihre Schwerpunkte in Absprache mit den Lehrenden selbst festlegen. Den kognitiven Bedürfnissen kann am besten begegnet werden, wenn die Lernenden zu Kuratoren ihrer Wissensbestände werden. Vordergründig teilen Lernende ihre Lernergebnisse und sind sich dabei nicht bewusst, welchen Einfluss dieser Prozess auf ihren Lernfortschritt hat. Lehrende sollten dabei unterstützen, hier selbstgesteuerter vorzugehen und Erkenntnisse über eigene Interessen, verborgene Talente und entwickelte Kompetenzen zu erlangen.


Ästhetische Bedürfnisse (aesthetic needs): Wertschätzung für Ausdruck, Formsprache und Schönheit

Technologie hat weitere Möglichkeiten geschaffen, an ästhetischen Prozessen teilzuhaben oder solche selbst zu schaffen.

Im Netz finden sich vielerlei kreative Ausdrucksformen junger Produzent/innen auf Fotoportalen wie Flickr oder Pinterest, lyrische Texte in Blogs oder auf Poetry Slams, für YouTube werden Formate erfunden, die es im Fernsehen zuvor nicht gab und Internetradios sowie Podcasts nutzten wie selbstverständlich den Rückkanal. Nun sind nicht alle Nutzer auch aktive Contentproduzenten, aber was wäre, wenn man sie positiv darin unterstützt?

Ein großes Bildungspotential liegt in der Verbindung der informell erworbenen Kompetenzen und Kenntnisse mit formalen Bildungsprozessen. Der Wunsch nach kreativem Ausdruck in Verbindung mit technischen Lösungen, die dies unterstützen, vereinfachen und kostengünstig ermöglichen wird gepaart mit Aufgabenstellungen, die formale Inhalte integrieren. Dies würde den Lernalltag aufwerten. Die Motivation steigt, weil bedürfnisorientierter gearbeitet wird.

Selbstverwirklichung (self actualization needs): persönliche Potentiale, Träume, Bildung, Erfolgserlebnisse
Im Vergleich zum 20. Jahrhundert haben die derzeitigen neuen Medien die Möglichkeiten zum sozialen Engagement und zur Interaktion über Onlinenetzwerke deutlich erweitert. Mit diesem Bewusstsein sollten Lehrende diese neuen Wirkungsräume zugänglich machen und ihren Lernenden subjektiv bedeutsame, selbstgesteuerte und authentische Lernprozesse ermöglichen. Im Umkehrschluss bergen solche Lernszenarios großes Potential für das Aufbauen von Selbstvertrauen und der Entdeckung persönlicher Potentiale.

[1] Heckhausen, Jutta; Heckhausen, Heinz(2010): Motivation und Handeln. Springer Berlin Heidelberg. 4. Auflage, überarbeitet und aktualisiert. S.59

[2] Weblog von Jackie Gerstein: www.usergeneratededucation.wordpress.com

[3] Gerstein, Jackie (2013): Maslow’s Hierarchy with Technology. Abrufbar unter: http://usergeneratededucation.files.wordpress.com/2014/03/slide1.jpg [Stand 26.06.2014]]. Lizensiert unter Creative Commons Attribution, Non Commercial, No Derivative

[4] Karstädter, Markus (2013): Zwischen Facebook und den Topmodels. Abrufbar unter: http://www.ethikinstitut.de/fileadmin/ethikinstitut/redaktionell/Texte_fuer_Unterseiten/Jugend_und_Werte_Newsletter/21-Identitaet_und_Medien.pdf [Stand 02.07.2014]

[5] Abels, Heinz: Identität. 2., überarbeitete und erweiterte Aufl., Wiesbaden 2010., S. 282